Story





TAXIDERMIA – DER AUSSTOPFER erzählt die groteske Geschichte dreier Generationen in Ungarn. Der leicht unterbelichtete Großvater, Ordonanz eines autoritären ungarischen Offiziers im Zweiten Weltkrieg, lebt in bizarren Phantasien: er sehnt sich nach Liebe und giert nach Sex. Letzteren bezahlt er mit dem Leben. Sein Sohn strebt als Spitzenathlet nach Erfolg – er wird ein Schnellesser in der pro-sowjetischen Nachkriegsära. Der Enkel schließlich, ein scheuer, feingliedriger Ausstopfer, ist auf der Suche nach etwas Größerem: nach der Unsterblichkeit. Er will das perfekteste Kunstwerk aller Zeiten erschaffen, indem er seinen eigenen Körper ausstopft. _Historische Fakten und Surrealismus verflechten sich wie in den Werken von Gabriel Garcia Marquez oder des ungarischen Schriftstellers Lajos Parti Nagy zu einem magischen Realismus; das Drehbuch basiert auf zwei Erzählungen von Nagy, die György Pálfi um die dritte Geschichte, die des Ausstopfers, erweitert hat.


Der erste Teil von TAXIDERMIA – DER AUSSTOPFER beginnt mit einer entkörperlichten Stimme, die über das Wesen der Schöpfung spricht. Wir sehen den Großvater, Vendel Morosgoványi (Csaba Czene), der von seinem Leutnant an einem fernen Außenposten drangsaliert und beschimpft wird. Vendel lebt neben dem Haus des Offiziers und damit Seite an Seite mit der dicken Frau des Leutnants und dessen zwei schönen Töchtern, die trotz ihrer Nähe unerreichbar bleiben. Vendel zieht sich zurück ins Reich extremer Selbstbefriedigung. Er beobachtet die Töchter heimlich beim Baden, trinkt ihr schmutziges Badewasser, masturbiert, bis sein Penis Flammen speit, und schläft mit des Leutnants Frau. Sie wird schwanger und der Leutnant bläst Vendels Kopf weg – zieht aber dann dessen Kind auf, Kálmán.


Im zweiten Teil des Films tritt Kálmán (Gergõ Trócsányi) für Ungarn bei bizarren, osteuropäischen Viel- und Schnell-Esswettkämpfen an, deren Hintermänner auf Anerkennung der außergewöhn¬ lichen Sportart durch das Internationale Olympische Komitee hoffen. Kálmán verliebt sich in Gizzela (Adél Stanczel), wie er eine vielgewichtige Schnelless-Athletin, und sie heiraten, wobei Gizzela schon während der Hochzeitsfeier mit einem von Kálmáns Teamkollegen Sex hat. Sie und Kálmán machen sich zu langen Flitter¬ wochen auf, und Gizella bringt einen kleinen Sohn zur Welt, Lajos. Während der erste Teil des Films eine groteske Abrechnung mit der Zeit des Faschismus in Ungarn ist, spiegelt der zweite Teil die Wahnvorstellungen der kommunistischen Ära wider.


Der dritte Teil, der in der Jetztzeit und damit im Kapitalismus spielt, ist ruhiger, nicht so manisch wie die zwei vorherigen. Lajos (Marc Bischoff) ist ein stiller Ausstopfer geworden, der keine Aussichten auf Liebe hat. Er ist, auf seine Art, ebenso frustriert, wie es sein Großvater gewesen ist, aber Lajos fruchtbare Vorstellungskraft wird sich ganz anders äußern. Sein Vater, Kálmán, hat enorme Proportionen angenommen und kann sich nicht mehr bewegen. Kálmáns Frau hat ihn schon vor langer Zeit verlassen, deshalb bringt ihm Lajos das Essen und macht die Wohnung sauber, in der Kálmán inmitten von Nahrungsmittelkisten und drei hochgemästeten Katzen mehr vegetiert als lebt. Eines Tages findet Lajos seinen Vater Kálmán tot auf. Er stopft seinen Vater aus und beginnt, einen offensichtlich lange gehegten Plan in die Tat umzusetzen: die Selbstausstopfung mithilfe eines beängstigenden Apparats, mit der Lajos sich in die Ewigkeit erhebt und selbst zum Kunstwerk wird. Der Film endet in Wien, imMuseumsquartier, wo Lajos’ befremdende Präparate in einer schaurig-schönen Ausstellung präsentiert werden...


TAXIDERMIA – DER AUSSTOPFER ist wie ein Familienroman strukturiert. Das Konzept eines Familienromans legt eine Saga, die wie im Werk Thomas Manns geordnet ist, nahe. In dieser Weise beinhaltet TAXIDERMIA – DER AUSSTOPFER drei Generationen: Der Großvater schafft das Fundament der Familie; er ist eine Urkraft, ein Urschöpfer, der die Welt in Bewegung setzt. Mit großer Mühe treibt der Sohn sein Erbe bis an die Spitze. Der Enkel aber lehnt die Werte von Vater und Großvater gleichermaßen ab.